Als reichte eine Epidemie nicht aus: außer vor der (alljährlichen) "Grippe-Welle" warnen die Medien (FAZ 2017) jetzt auch noch vor einer "Keuchhusten-Welle"...

Tatsache ist: in zahlreichen westlichen Ländern kommt es in den letzten Jahren zu einem teilweise dramatischen Anstieg der Keuchhusten-Fallzahlen, allen voran in den USA, wo sie 2012 mit mehr als 48.000 Fällen den höchsten Stand seit 1955 erreichten (CDC 2017) (dazwischen lagen mehr als 50 Jahre intensivster Impfbemühungen gegen Keuchhusten). Aber auch in anderen Staaten wie Großbritannien und Deutschland nehmen die Keuchhusten-Fälle zu - und dies trotz hoher Durchimpfungsraten in all diesen Ländern. "Pertussis continues to be the most poorly controlled bacterial vaccine-preventable disease in this country, despite high rates of DTaP coverage." (CDC 2009, zitiert nach Tartof 2013).

 

Als mögliche Ursachen werden derzeit international folgende Fakten intensiv diskutiert:

  • Seit ihrer Einführung ist bekannt, dass die "moderne" so genannte azelluläre Keuchhusten-Impfung (aP) wesentlich schlechter vor der Erkrankung schützt, als ihre Vorgängerin, die wegen ihrer Nebenwirkungen in Verruf geratene und schließlich ersetzte so genannte Ganzkeim-Impfung (wP) (Baxter 2013, Misegades 2012).

  • Relativ neu ist die Erkenntnis, dass die aP wohl noch viel schlechter gegen die Übertragung der Keuchhusten-Bakterien schützt (Althouse 2015) - nicht typisch oder gar nicht erkrankende Geimpfte können also die Bakterien an andere übertragen, eine verlässliche Herdenimmunität gibt es bei der Keuchhusten-Impfung nicht "Since pertussis spreads so easily, vaccine protection decreases over time, and acellular pertussis vaccines may not prevent colonization (carrying the bacteria in your body without getting sick) or spread of the bacteria, we can't rely on herd immunity to protect people from pertussis." (CDC FAQs 2017). Dies führt nebenbei die von der STIKO intensiv beworbene "Kokon-Strategie" ad absurdum, denn diese beruht auf der (mittlerweile widerlegten) Annahme einer Herdenimmunität (und wird deshalb z.B. von der WHO ausdrücklich nicht empfohlen: "Neo-natal immunization, and vaccination of pregnant women and household contacts (“cocooning”) against pertussis is not recommended by WHO. " (WHO 2015)) (Baxter 2017, Healy 2015, Castagnini 2012).

  • Dass die schlechte Wirksamkeit der aP erst so viele Jahre nach ihrer Einführung so gravierende Auswirkungen hat, wird unter anderem damit erklärt, dass jetzt die erste Generation junger Erwachsener herangewachsen ist, die von vorneherein ausschließlich mit der aP grundimmunisiert wurden; aP scheint gerade auch bei der Grundimmuniserung wP deutlich unterlegen (Schwarz 2016). Bei diesen Jugendlichen sind auch Auffrischimpfungen im Erwachsenenalter (wie von der STIKO empfohlen) mit dem aP wenig effektiv (Skoff 2016). Dies scheint aktuellen Studien zu Folge daran zu liegen, dass aP und wP schon bei den ersten Impfungen der Grundimmunisierung unterschiedliche Reaktionen des Immunsystems hervorrufen, die im Nachhinein nicht mehr veränderbar sind und sich auch nach Auffrischimpfungen in der einmal festgelegten Art und Weise wiederholen (Bancroft 2016).

  • Darüber hinaus kommt es beim Keuchhustenbakterium selbst in den letzten Jahren zu genetischen Veränderungen: einer der Hauptangriffspunkte der Impfstoffe - das Eiweißmolekül Pertactin - wird von vielen Bakterienstämmen nicht mehr gebildet, was die Wirksamkeit der Impfung massiv kompromittiert. Forscher werten dies als unmittelbare Anpassung der Bordetellen an ihre keuchhustengeimpfte Umgebung: Bakterien, gegen die der verwendete Impfstoff nicht wirkt, können sich besser vermehren und verbreiten (Bart 2014, Lam 2014, Pawloski 2013, Gent 2012).

 

Mögliche Lösungen? Diskutiert werden hier verschiedenste Ansätze:

  • Das RKI sieht die Lösung in einer konsequenteren Impfung von Erwachsenen (RKI 2017) - obwohl die Impfung hier schlecht vor der Erkrankung schützt, dies in den nächsten Jahren und Generationen (s.o.) noch schlechter werden wird und ein verlässlicher Herdenschutz der Impfung nicht zu erwarten ist (s.o.).

  • Kreativere Vorschläge sind hier eine Umstellung der Impfstrategie unter (Wieder-)Verwendung der schlechter verträglichen wP für die erste(n) Impfung(en) und ein erst späteres Umsteigen auf die aP (DeAngelis 2016).

  • Die meisten Autoren hoffen jedoch schlicht auf die baldige Verfügbarkeit wirksamer(er) Keuchhustenimpfstoffe mit einem akzeptablen Nebenwirkungsprofil... So sind derzeit mehrere Lebendimpfstoffe gegen Keuchhusten in der klinischen Erprobung (Locht 2016)

 

Literatur

Althouse BM. BMC Medicine 201513:146. Abruf 11.02.2017

Bancroft T. Cell Immunol. 2016 Jun-Jul;304-305:35-43. doi: 10.1016/j.cellimm.2016.05.002. 20.02.2017

Bart MJ. mBio vol. 5 no. 2 e01074-14. 22 April 2014. doi: 10.1128/mBio.01074-14

Baxter R. Pediatrics Volume 139, number 5, May 2017. Abruf 12.04.2017

Baxter R. BMJ 2013;347:f4249. Abruf 11.02.2017

Castagnini LA.Clin Infect Dis. 2012 Jan 1;54(1):78-84. doi: 10.1093/cid/cir765. Abruf 11.02.2017

CDC. Pertussis. Abruf 11.02.2017

CDC 2017. Pertussis FAQs. Abruf 11.02.2017

DeAngelis H. JAMA Pediatr. 2016 Mar 28. doi: 10.1001/jamapediatrics.2016.0047.. Abruf 11.02.2017

FAZ. Keuchhusten-Welle in Deutschland. 08.02.2017. Abruf 11.02.2017

Gent M. PLOS One 28.09.2012. DOI: 10.1371/journal.pone.0046407

Healy CM. Pediatr Infect Dis J. 2015 Jan;34(1):22-6. Abruf 11.02.2017

Lam C. Emerg Infect Dis [Internet]. 2014 Apr. Abruf 11.02.2017 

Locht C. Clin Microbiol Infect. 2016 Dec 1;22 Suppl 5:S96-S102. doi: 10.1016/j.cmi.2016.05.029. Abruf 15.04.2017

Pawloski LC. Clin. Vaccine Immunol. Nov 2013; doi: 10.1128/CVI.00717-13. Abruf 11.02.2017

RKI. EpiBull 06/2017. Abruf 11.02.2017

Schwarz KL. CMAJ. 2016 Nov 1;188(16):E399-E406. Abruf 10.04.2017

Skoff TH. JAMA Pediatr. 2016 May 1;170(5):453-8. Abruf 11.02.2017

Tartof SY. PEDIATRICS Volume 131, Number 4, April 2013 (Abruf 11.02.2017)

WHO. Recommendations for routine immunization. (Abruf 11.02.2017)