Pünktlich wie jedes Jahr: die ersten Frühlingsboten - Krokusse im Garten, Horrorbilder ins monsterhafte vergrößerter Blutsauger in der Auslage Ihrer freundlichen Apotheke und Hiobsbotschaften aus dem Robert Koch-Institut (RKI): auch letztes Jahr FSME in noch mehr Landkreisen als ohnehin schon... . Die gemeine Zecke als zunehmend nationale, vielleicht bald sogar globale Bedrohung? Ein Faktencheck... .

Über die atemberaubende Rechenakrobatik, mit der das RKI so genannte Risikogebiete für FSME herbeirechnet, ist in den vergangenen Jahren viel geschrieben worden, unter anderem auch hier - über deren Motivation wurde ebenso viel spekuliert, unter anderem auch vom honorigen, weil industrieunabhängigen arznei-telegramm, das schon 2007 schrieb: "Die Idee könnte aus den Marketingabteilungen der Hersteller von FSME-Impfstoffen stammen".

Die Ergebnisse dieser mathematischen Salti mortale veröffentlicht das RKI auch dieses Jahr wieder im Epidemiologischen Bulletin (RKI 2022) in unübertrefflicher sprachlicher Schönheit

"Ein Kreis wird als FSME-Risikogebiet definiert, wenn die Anzahl der übermittelten FSME-Erkrankungen in mindestens einem der 14 Fünfjahreszeiträume im Zeitraum 2002 – 2021 im Kreis ODER in der Kreisregion (bestehend aus dem betreffenden Kreis plus allen angrenzenden Kreisen) signifikant (p < 0,05) höher liegt als die bei einer Inzidenz von 1 Erkrankung pro 100.000 Einwohner erwartete Fallzahl.".

Die daraus resultierenden Karten sind altbekannt, liegen sie doch um diese Jahreszeit in jeder Apothekenauslage:

FSME EpiBull 9 2022

Nun ist die FSME kein deutsches Phänomen, sie spielt als tick-borne encephalitis TBE auch international eine Rolle und daher gibt es für ein "Risikogebiet" auch eine die WHO-Definition. Diese ist auch für mathematische Einfachversteher (wie den Autor dieses Artikels) leicht zugänglich: "In areas where the disease is highly endemic (that is, where the average prevaccination incidence of clinical disease is ≥5 cases/100 000 population per year), implying that there is a high individual risk of infection, WHO recommends that vaccination be offered to all age groups, including children." (WHO 2011).

Die Konsequenz von WHO und RKI ist die gleiche: in Risikogebieten sollte eine allgemeine Impfempfehlung ausgesprochen werden - nur: die WHO fordert für die Definition "Risikogebiet" 25 (in Worten fünfundzwanzig) mal mehr FSME-Fälle in einer Region als das RKI (WHO: ≥ 5/100.000/Jahr - RKI: > 1/100.000/5 Jahre)

Übertrüge man dieses WHO-Kriterium auf die Zahlen in Deutschland, ergäbe sich diese Karte. Hier sind in dunkelblau die RKI-Risikogebiete dargestellt, in orange die WHO-Risikogebiete - um der jährlichen Schwankung der Fallzahlen gerecht zu werden, wurde ein Gebiet "orange", wenn das WHO Kriterium in einem der Jahre 2019/2020/2021 erfüllt war.

Als besonderes Schmankerl zeigt die Karte als "tool-tip" - also beim Drüberfahren mit der Maus - die Fallzahlen in dem jeweiligen Landkreis im Jahr 2021 (als absolute Zahl). Das ist deshalb nicht uninteressant, weil in mehr als 50 der aktuellen 2022-Risikogebiete in 2021 kein einziger FSME-Fall erfasst wurde - die RKI-Definition macht's möglich... .

 

 

 

 

Zu Risiken und Nebenwirkungen dieser Karte fragen Sie besser nicht Ihren Arzt oder Apotheker: es könnte durchaus sein, dass die gewünschte alljährliche Zeckenhysterie ernsthaft Schaden nimmt...

Literatur

a-t 2007; 38: 70-1

RKI. 2022. EpiBull 9/2022

WHO. 2011. WER 24; 86:241–256