Eine große südkoreanische Registerstudie (n = ≥ 1.000.000) untersuchte den Zusammenhang zwischen der Lebendimpfung gegen Herpes zoster (Zostavax™) und dem Auftreten von Demenzerkrankungen über einen Zeitraum von 12 Jahren (2012 - 2024) (Oh 2026) und schlussfolgert im abstract der Studie vollmundig: "Live zoster vaccination was associated with delayed onset of cognitive decline, suggesting benefits beyond herpes zoster prevention in aging populations."
Dem aufmerksamen Leser der gesamten Studie wird jedoch rasch klar: der gefundenen Effekt ist weder klinisch relevant, noch methodisch sicher... .
Als entscheidendes Kriterium verwendet die Studie die so genannte RMST (restricted mean survival time), hier definiert als der Unterschied demenzfreier Überlebenszeit zwischen der geimpften und der nicht geimpften Studienkohorte. Die Arbeit errechnet hier eine adjusted Hazard Ratio (aHR - Verhältnis der Ereignisraten) von 0,88 für Gedächtnisstörungen jeder Art und 0,75 für Alzheimer Demenz, was eine Verringerung um eindrucksvolle 25% bei letzterer bedeutete. Betrachtet man jedoch die errechneten absoluten Effektgrößen reden wir über 1,1 Tage zusätzlichen krankheitsfreien Überlebens pro Studienjahr - eine Dimension, die die Autoren in der Diskussion (nicht im abstract!) selbst als „minimal absolute effect size" einordnen.
Und selbst dieser minimale Effekt ist statistisch nicht sicher: um eventuelle systematische Störfaktoren (confounder) auszuschließen, betrachten die Autoren die aHRs für 4 weitere Studienendpunkte, die nach aktuellem Verständnis nichts mit der Impfung zu tun haben, unter anderem die Häufigkeit selbstverletzenden Verhaltens. Hier liegt die aHR bei 0,64 und damit in der gleichen Größenordnung, wie der Effekt auf die Alzheimer-Demenz, was nahelegt, dass es eine systematische Verzerrung (bias - hier z.B. den healthy user bias) beim Studienergebnis gab, was die Autoren in der Diskussion einräumen („the possibility of a healthy vaccinee effect cannot be completely ruled out"), was statistisch und methodisch gesehen das eigentliche Ergebnis aber weitestgehend entwertet.
Zusätzlich spricht auch der gefundene Zeithorizont gegen einen kausalen Zusammenhang zwischen der Impfung und dem gefundenen, minimalen Effekt: dieser ist nämlich in den ersten vier Jahren nach der Impfung am größten, lässt dann nach und ist 6 Jahre nach der Impfung nicht mehr nachweisbar. Dies widerspricht dem aktuellen Verständnis der Krankheitsentwicklung bei der Alzheimer Demenz, die einen jahrzehntelangen Vorlauf der Erkrankung annimmt.
Diese Studie zeigt beispielhaft, wie irreführend wissenschaftliche Publikationen teilweise formuliert und veröffentlich werden: der im abstract behauptete "delayed onset" und der "benefit" erweist sich im Volltext der Studie als klinisch irrelevant, methodisch mehr als unsicher und zusätzlich unplausibel...
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Oh J. 2026. https://doi.org/10.1002/alz.71410
