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In der Diskussion um weltweit (nicht in Deutschland!) ansteigende Masernzahlen schienen lange Zeit drei Grundannahmen ehern in Stein gemeisselt: dass erstens die durchgemachte Masernerkrankung eine lebenslange Immunität hinterlässt, es zweitens immunologisch nur einen einzigen Typ Masernvirus gibt und daher die Masernimpfung weltweit gleich gut und - dies ist die dritte Annahme - lebenslang schützt.

Nachdem in der Welt außerhalb des Robert Koch-Instituts (RKI) die dritte Annahme längst als überholt erkannt wurde (s. hier), gerät jetzt auch die zweite Säule bedenklich in's Wanken....

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, zwischen einer genetischen und einer immunologischen Differenzierung bei Viren zu unterscheiden:

Dieser letzte Punkt ist die Grund dafür, dass Masernimpfstoffe, die allesamt Nachkommen eines einzigen vor mehr als 60 Jahren isolierten Masernwildvirus sind (Virusstamm A), bis heute zu den wirksamsten Impfstoffen überhaupt zählen - und dies überall auf der Welt und bisher weitestgehend unabhängig davon, welchem Typ das in einem Land jeweils präsente Masernvirus angehörte. Jetzt wankt auch diese Gewissheit...

Schon 1994 zeigte sich in den USA, dass nach dem Unterbrechen der "endemischen Transmission" des Masernvirus, importierte Masernfälle, die zu kleineren oder größeren Ausbrüchen führten, zunehmend anderen Stämmen als dem Impfstamm A angehörten (Bellini 1998). International hat sich das Spektrum der nachgewiesenen Virusstämme in den vergangenen Jahren zum einen ständig verändert, zuletzt aber vor allem verschmälert, so dass weltweit aktuell vor allem fünf Stämme für Masernfälle verantwortlich sind: B3, D4, D8, D9 und H1.

Schon 2004 konnte vom RKI für einen damals in Deutschland zirkulierenden Virustyp (D7) nachgewiesen werden, dass er theoretisch weniger immunologische Angriffspunkte für Impf-Antikörper bot, als seine zwei Vorgängertypen (C2 und D6), die er damals weitestgehend verdrängte - ein Unterschied, der sich allerdings damals in der Praxis nicht bemerkbar machte, die Wirksamkeit der Impfung war durch diese Veränderung nicht beeinträchtigt (Santibanez 2005).

Dies gilt jedoch nicht, für einen der Virusstämme, die in den letzten Jahren eine globale Verbreitung erlebten und - nach den spärlichen Daten, die hier vorliegen - auch in Deutschland für etwa ein Drittel der aktuellen Masernfälle verantwortlich ist: B3. Dieser ist nicht nur offensichtlich noch infektiöser (also noch leichter übertragbar), als andere Masernstämme (Ackley 2018); zusätzlich entstehen durch die bisherige Masernimpfung deutlich weniger Antikörper, die sich gegen B3 richten, als dies für die anderen derzeit zirkulierenden Virusstämme gilt (Fatemi Nasab 2016).

Diese Beobachtungen - die Zunahme von Virustypen, die von den aktuell verwendeten Impfstoffen nicht mehr optimal abgedeckt werden - werden von Fachleuten schon heute als das von Impfstoffen gegen bakterielle Erreger wie Pneumokokken wohl bekannte replacement-Phänomen bezeichnet (Javelle 2019, Santibanez 2005) und als einer der wesentlichen Gründe für die aktuelle deutliche Zunahme der Masernfälle weltweit (nicht aber in Deutschland) verantwortlich gemacht - gerade auch bei Ländern, in denen bereits eine Elimination erreicht war. Hier könnte auch eine Erklärung für die Zunahme der Fälle primären und sekundären Impfversagens (s. hier) liegen, die in zahlreichen aktuellen internationalen Studien dokumentiert ist: so waren in Analysen von Masernausbrüchen aus diesem Jahrhundert häufig 10% der Erkrankten zweimal geimpft (Patel 2019, Cherry 2018), eine Rate, die in dieser Höhe den theoretischen (und älteren) Wirksamkeitsangaben zur Masernimpfung widerspricht.

Es zeigt sich einmal mehr, dass die weltweite Zunahme der Masernfälle in den letzten Jahren sehr viele und sehr unterschiedliche Gründe hat - die gedankliche Verkürzung, die die WHO hier mit der quasi Kriminalisierung der Impfzurückhaltung lautstark propagiert, verfehlt genauso wie die dem aktuellen so genannten Masernschutzgesetz zu Grunde liegende (Fehl-)Annahme, eine bloße Zunahme der Impfquoten löse das Problem, das Thema und wird, wieder einmal, der Komplexität der tatsächlichen Situation nicht im Mindesten gerecht.

Literatur

Ackley SF. 2018. Clin Infect Dis. 2018;66:1270–5.

Bellini W. 1998. Emerg Infect Dis. 1998;4:29–35.

Cherry JD. 2018.. Clin Infect Dis. 2018;67:1315–9.

Fatemi Nasab GS. 2016. Pathog Dis. 2016;74:ftw089.

Javelle, E. 2019. Eur J Epidemiol 34: 897

Patel MK. 2019. Lancet Glob Health. 7:313–20.

Santibanez S. 2005. J Gen Virol. 86:365–74.