Der mittlerweile nicht mehr ganz so neue Impfstoff gegen Meningokokken der Gruppe B (Men B - Handelsname Bexsero®) ist in Europa seit 2013 zugelassen, wird aber von der STIKO unverändert nicht allgemein empfohlen (RKI 2016).

Die Zulassungsstudien, in denen Kinder im Alter von 2, 4 und 6 Monaten geimpft wurden, zeigten zwar eine Antikörperbildung bei 84 - 100% der Geimpften, die Antikörperspiegel hielten jedoch (wie bei der Men C-Impfung) nicht lange vor (das RKI spricht von einer "deutlichen Abnahme" des Anteils geimpfter Säuglinge und Kleinkindern mit schützenden Antikörpern schon innerhalb der ersten 12 - 28 Monate, RKI 2014), so dass die anzunehmende Dauer einer eventuellen Schutzwirkung nur kurz sei (RKI 2014). Den streng wissenschaftlichen Nachweis einer Reduktion von Erkrankungsfällen (etwa im Sinne einer Vergleichsstudie Geimpfter und Ungeimpfter) gibt es für die Impfung - wie auch für die in Deutschland empfohlene Men C-Impfung - ohnehin nicht, was offiziell mit der Seltenheit der Erkrankung begründet wird.

Ebenso wie in Deutschland sind Meningokokken B auch in England für ca. drei Viertel der Meningokokkenerkrankungen verantwortlich. Initial postulierten die britischen Experten im günstigsten Falle eine Reduktion der Erkrankungsfälle bei flächendeckender Impfung um ca. ein Viertel, was weitgehend unabhängig vom Preis des Impfstoffes eine Kosteneffektivität ausschließe (JVCI 2013). Mittlerweile kam es in England zu einer Reevaluation der MenB-Impfung, in deren Verlauf die bisherigen Rechenmodelle (und auch vor allem der Preis des Impfstoffs seitens des Herstellers!) so lange verändert wurden, bis nach Ansicht der JVCI eine Kosteneffektivität für englische Verhältnisse wohl gegeben wäre (JVCI 2014) - wohlgemerkt nur diese, denn: "The Commitee noted the lack of evidence on vaccine efficacy, since the vaccine had not yet been evaluated in an efficacy trial" (JVCI 2014), was ja schlicht heißt: es gibt unverändert keinen wissenschaftlichen Beweis für die Wirksamkeit des Impfstoffs. (Wäre man böswillig, könnte man dem JVCI-Papier entnehmen: er ist jetzt aber billig genug, um ihn trotzdem zu empfehlen - wobei sich die Besorgnis wegen der schlechten Verträglichkeit auch in diesem Protokoll findet. Und es ist sicher reiner Zufall, dass der Vorsitz des Expertentreffens, auf dem dieser Beschluss gefällt wurde, vor der Beschäftigung mit dem Men B-Thema noch einmal ausdrücklich und ausführlich auf die Notwendigkeit hingewiesen hat, dass eventuelle Interessenskonflikte von Komitee-Mitgliedern unbedingt aufgezeigt werden müssten...) (JVCI 2014). 

Da innerhalb der Meningokokkengruppe B nochmals verschiedene Stämme unterschieden werden und zur Bedeutung dieser Untertypen aktuelle Daten fehlen, kann zum tatsächlichen Effekt der Impfung auf die Häufigkeit der MenB-Erkrankungen in Deutschland nur gemutmaßt werden: Die STIKO geht selbst bei flächendeckender Impfung der (besonders gefährdeten) Säuglinge davon aus, dass nur "ein sehr kleiner Anteil aller MenB-Erkrankungen" in Deutschland durch die Impfung verhindert werden könnte (RKI 2016). Inwieweit die sogar für diesen begrenzten Effekt erforderliche hohe Durchimpfungsrate erreichbar ist, wird selbst vom RKI bezweifelt, denn es wäre die dritte Injektion bei ein und demselben Impftermin (RKI 2013).

Die Sicherheit und Verträglichkeit der Impfung ist nach jetzigem, sehr vorläufigen Kenntnisstand weniger als suboptimal: die STIKO selbst schreibt, dass "insbesondere starke Schmerzen an der Einstichstelle ... häufiger nach Bexsero® ... als nach Standardimpfungen ... berichtet [wurden]". Auch "Reizbarkeit, ungewöhnliches Weinen, Schläfrigkeit, Erbrechen und Durchfall [wurden] beobachtet, meist häufiger als nach Standardimpfungen allein."  Gerade die (dann ja notwendige) Kombination von Sechsfachimpfung, Pneumokokkenimpfung und MenB-Impfung scheint deutlich schlechter verträglich zu sein als die jeweiligen Komponenten für sich betrachtet. Noch beunruhigender sind jedoch mehrere Fallberichte einer autoimmunologischen Gefäßentzündung, des so genannten Kawasaki-Syndroms, das, da es vor allem auch die Herzkranzgefäße betrifft, lebensbedrohlich sein kann (RKI 2013).

Auch bei einer nochmaligen Neubewertung der Studienlage im September 2014 spricht die STIKO unverändert von "erheblichen Unsicherheiten und fehlenden Daten" und spricht dezidiert keine allgemeine Impfempfehlung aus (RKI 2014).

Und auch beim dritten Anlauf des Impfstoffs, eine allgemeine Impfempfehlung zu erhalten, wird die Latte gerissen: Im August 2015 sieht die STIKO von dieser Impfempfehlung ab, empfiehlt die Impfung nur für Risikogruppen.  Und selbst diese eingeschränkte Empfehlung steht auf noch tönerneren Füßen: gerade für diese Risikogruppen ist nicht einmal die Bildung als schützend angesehener Antikörper sicher nachgewiesen: "Es stehen keine Daten zur Immunogenität bei Personen mit chronischen Krankheiten oder Immundefekten/-suppression zur Verfügung." (RKI 2015)

Auch 2016 erhält die MenB-Impfung von der STIKO keine allgemeine Empfehlung. Die Häufigkeit der Meningokokken B-Erkrankungen in Deutschland ist seit Jahren aus ungeklärten Gründen ohnehin stark rückläufig und insgesamt sehr gering - die STIKO spricht von einer "niedrigen Krankheitslast" und fasst zusammen:

"Vor dem Hintergrund der abnehmenden MenB-Inzidenz und der Ergebnisse von mathematischen Modellierungen, die zeigen, dass eine Impfung von Säuglingen mit dem neuen MenB-Impfstoff Bexsero® in Deutschland nur einen sehr kleinen Anteil aller MenB-Erkrankungen  verhindern könnte, hat die STIKO entschieden, vor einer möglichen Empfehlung für eine Routineimpfung mit dem neuen MenB-Impfstoff Bexsero® Ergebnisse zu klinischen  Effektivität und zur Schutzdauer abzuwarten. […] Eine Entscheidung über eine mögliche Empfehlung zur routinemäßigen Meningokokken-B-Impfung bei Säuglingen und Kleinkindern bzw. Jugendlichen wird die STIKO erst treffen, wenn bessere Daten zur Impfeffektivität, zur Schutzdauer sowie zu einem möglichen Effekt auf das Meningokokken-Trägertum vorliegen." (RKI 2016)

Unterstützung erhält diese zurückhaltende Einschätzung der STIKO durch eine Studie, die - obwohl vom Impfstoffhersteller durchgeführt - zu Ergebnissen kommt, die den Wert der Impfung noch weiter in Frage stellen: waren in den Jahren 2007/2008 noch fast drei Viertel aller Meningokokken B-Stämme in Großbritannien durch den Impfstoff abgedeckt, nahm dieser Anteil bis 2014/15 auf knapp zwei Drittel der Serotypen ab (Parikh 2017) - dies kann nun kaum an der Impfung selber liegen (diese wurde erst 2014 in GB eingeführt), es zeigt nur einmal mehr, wie unverstanden die Dynamik der Meningokokken-Epidemiologie bis heute ist... denn auch in Deutschland nehmen Meningokokken-B-Erkrankung völlig unabhängig von irgendwelchen Impfbemühungen seit vielen Jahren kontinuierlich ab (s. hier).

 

Literatur:

JVCI. Interim Position Statement. July 2013. Abruf 13.11.2013

JVCI. Minute of the meeting on Tuesday 11 and Wednesday 12 February 2014 -Draft. London: 2014

Parikh SR. Lancet Infect Dis. 2017 Mar 30. pii: S1473-3099(17)30170-6. doi: 10.1016/S1473-3099(17)30170-6. Abruf 20.06.2017

 
 
 

 

 

 

RKI. Epidemiologisches Bulletin 2013, Nr. 49. Abruf 13.12.2013

RKI. Epidemiologisches Bulletin 2014, Nr. 36. Abruf 25.09.2014

RKI. Epidemiologisches Bulletin 2015, Nr. 37. Abruf 02.12.2015

RKI. Epidemiologisches Bulletin 2016, Nr. 43. Abruf 07.11.2016