Erreger und Epidemiologie

  • Meningokokken werden nach Merkmalen ihrer Kapsel in verschiedene Serogruppen eingeteilt, die jeweils nochmals in verschieden Stämme differenziert werden können.

  • Relevante Krankheitserreger für den Menschen sind Meningokokken der Gruppen A, B, C, Y und W 135

  • Die Bedeutung der einzelnen Meningokokken-Serogruppen für die auftretenden Erkrankungen unterscheidet sich innerhalb Europas deutlich von Land zu Land.

  • In Deutschland werden:

    • ca. 2/3 bis 3/4 aller Infektionen durch Meningokokken B und

    • ca. 1/5 aller Infektionen durch Meningokokken C hervorgerufen.

  • Insgesamt kommt es in Deutschland zu weniger als 0,5 Meningokokkeninfektionen pro 100.000 Einwohnern und Jahr (es gibt leichte regionale Unterschiede), damit zu weniger als 0,1 Meningokokken C-Infektionen pro 100.000 Einwohnern und Jahr (RKI 2016b).

  • Im europäischen Vergleich spielen die Meningokokken C in anderen Ländern verglichen mit Deutschland (0,05 Fälle/100.000 Einwohner/Jahr) eine relativ deutlich größere Rolle (Zahlen für 2015)

    • Frankreich : 0,18 Fälle/100.000/Jahr

    • Irland: 0,24 Fälle/100.000/Jahr

    • Malta: 0,47 Fälle/100.000/Jahr

    • In Deutschland traten - in absoluten Zahlen ausgedrückt - 2015 und 2014 jeweils 42 MenC-Fälle auf (ECDC 2017).

  • Damit setzt sich ein Abwärtstrend in der Häufigkeit der Meningokokken-Erkrankungen fort, der schon deutlich vor der Einführung der Impfung begann und der auch in anderen europäischen Ländern zu beobachten ist - auch in solchen, die nicht gegen Meningokokken impfen (ECDC 2015).

  • In Deutschland nimmt seit 2006 (Beginn der Impfempfehlung) die Häufigkeit der (in der Impfung enthaltenen) Men C vor allem bei Kindern und Jugendlichen unter 19 Jahren nach Angaben des RKI etwas stärker ab, als vorher (ECDC 2017, RKI 2016b) - ob die Zahlen dies wirklich bestätigen, bleibt wohl eher offen...

 

(ECDC 2017)

  • Insgesamt betrifft dieser Rückgang jedoch deutlich stärker die häufigeren Meningokokken B und hier vor allem Fälle bei Kindern und Jugendlichen - da gegen Men B erst seit 2013 eine Impfung existiert, die bisher in nur zwei europäischen Ländern empfohlen wird, kann diese hier nicht als Grund herangezogen werden. "Der genaue Grund für die starke Abnahme der MenB-Erkrankungen, die vorrangig verantwortlich ist für die Abnahme der Gesamtinzidenz und die auch in anderen europäischen Ländern beobachtet wird, ist unklar" (RKI 2016b).

  • Als möglicher Grund wird von der STIKO u.a. die Verminderung des Anteils beschwerdefreier Meningokokken-Träger (s.u.) diskutiert (RKI 2016b).

  • Betrachtet man die Abnahme der schweren Meningokokken-Erkrankungen in Westeuropa über die letzten 15 Jahre im Vergleich zwischen den Ländern mit (D, F, I, GB etc.) und denen ohne (DK, N, FIN, S, Malta) Meningokokken C-Impfempfehlung zeigt sich das folgende Bild:

 

Men Westeuropa 2000 2015

(ECDC 2017)

  • Es wird deutlich, dass die Epidemiologie der Meningokokken-Erkrankungen weitestgehend unabhängig von den eingeführten Men-C-Impfprogrammen verläuft - GB hatte als erstes Land bereits 1999 begonnen, gegen MenC zu impfen, andere Länder folgten meist zwischen 2004 und (D) 2006.

  • Die Graphik zeigt jedoch auch, dass in den letzten Jahren eine Zunahme von Serotypen zu beobachten ist, die in den vergangenen Jahrzehnten in Europa praktisch keine Rolle spielten: Y und W.

  • Der naheliegende Verdacht, dies beruhe - im Sinne eines replacement-Phänomens wie bei Haemophilus influenzae oder Pneumokokken - unmittelbar auf der eingeführten Impfung, greift wohl zu kurz: zwar ist GB, dass schon am längsten gegen MenC und seit 2014 auch gegen MenB impft, mit am stärksten von diesem Anstieg betroffen (v.a. MenW), das Phänomen betrifft aber auch Länder, die - wie Schweden - bis zum heutigen Tag gar nicht gegen Meningokokken impfen (in Schweden v.a. MenY).

 

(ECDC 2017)

 

  • Letztendlich zeigt die genaue Betrachtung der Epidemiologie, dass wir sie bis zum heutigen Tage weder verstanden haben, noch erklären können - was uns aber nicht davon abhält, mit Impfprogrammen an einzelnen Schrauben dieses unverstandenen Geflechtes herumzuschrauben.

  • In Europa sind ca. 10% der Bevölkerung beschwerdefreie Träger von Meningokokken im Nasen-Rachen-Raum - die Betroffenen bilden offenbar als Folge der Besiedlung wirksame Antikörper, die sie vor der Infektion schützen, erkranken selber aber nur selten an "Invasiven Meningokokken-Erkrankungen IME" wie Hirnhautentzündung oder Blutvergiftung. (RKI 2016).

  • Bei Schwächung der lokalen oder systemischen Abwehr oder Schädigung der Atemwegsschleimhaut (z.B. durch Rauchen) kann es zu Infektionen kommen.

  • Der Kontakt zu einer an einer Meningokokkeninfektion erkrankten Person erhöht das Erkrankungsrisiko um den Faktor 1000.

  • Es erkranken vor allem Säuglinge (2. Lebenshalbjahr) und Kleinkinder bis zum 5. Lebenjahr sowie Jugendliche.

 

Infektionsmodus

  • Tröpfcheninfektion

 

Erkrankungen

  • Hochakut verlaufende bakterielle Hirnhautentzündung mit oder ohne Sepsis (Blutvergiftung) und folgendem Multiorganversagen

 

Prognose

  • Ca. 5 - 10% der Patienten sterben, bei ca. 15% der Überlebenden kommt es zu Defektheilungen mit bleibenden Behinderungen

  • Schwere Verläufe mit Blutvergiftung (Sepsis) oder Multiorganversagen werden etwa gleichhäufig von Men B und Men C ausgelöst (RKI 2012).

  • Die Sterblichkeit scheint bei Meningokokken C-Erkrankungen (ca. 14%) etwas höher zu sein, als bei Meningokokken B-Infektionen (ca. 10%) (RKI 2016b).

 

Therapie/Prophylaxe

  • Penicillin

  • Chemoprophylaxe aller Kontaktpersonen mit Rifampicin

 

Literatur:

arznei-telegramm. 2006; 37: 100-1

ECDC. Annual epidemiological report 2014. 2015.

ECDC 2017. http://atlas.ecdc.europa.eu/public/index.aspx?Instance=GeneralAtlas. Abruf 23.04.2017

RKI. EpiBull 39 2012. Zuletzt abgerufen 08.11.2016

RKI (2016a). Infektionsepidemiologisches Jahrbuch meldepflichtiger Krankheiten für 2015. Berlin 2016

RKI (2016b). EpiBull 43 2016. Zuletzt abgerufen 08.11.2016