Nachdem die Impfpflicht-Diskussion spätestens nach dem mit abenteuerlich falschen Zahlen begründeten FDP-Parteitagsbeschluss (selbst die sehr impffreundliche ZEIT findet keine Quellenangaben dafür... ZEIT 2017) derzeit Tagesgespräch ist, hier noch einige interessante (belegte!) Zahlen zu dieser Frage am Beispiel der Hepatitis B-Impfung.

Bei der Hepatitis B-Impfung im Säuglingsalter ist die EU dreigeteilt:

  • es gibt Länder mit einer Impfpflicht (CZ, GR, HU (Impfpflicht aber erst ab dem Alter von 12 Jahren), LV, LT, PL, SK, SLO (Impfung im Alter von 5/6 Jahren))

  • Länder mit einer Impfempfehlung (die meisten)

  • Länder ohne eine Impfempfehlung (DK, FIN, ICE, S, UK)

 

Betrachtet man jetzt die Erkrankungszahlen an Hepatitis B bei Kindern bis zum 14. Lebensjahr und die Impfquoten gegen Hepatitis B im Vergleich dieser Gruppen, ergibt sich das folgende, interessante Bild:

 

 HepB bis 14 Jahre EU

Hierbei fällt auf:

Anders als z.B. bei der Masernimpfung waren die Durchimpfungsraten in den Ländern mit einer Impfpflicht früher tatsächlich höher als in denen mit einer bloßen Empfehlung der Hepatitis B-Impfung - zumindest in der Vergangenheit (Dieser Effekt ist auch plausibel, fällt es doch selbst bemühten Kinderärzten schwer, mitteleuropäischen Eltern eine Säuglings-Impfung gegen eine außerhalb umschriebener Risikogruppen fast ausschließlich sexuell übertragene Erkrankung zu vermitteln...). In den letzten Jahren egalisiert sich dieser Unterschied allerdings.

Trotz sehr hoher Durchimpfungsraten von im Durchschnitt deutlich über 95% sind die Erkrankungszahlen bei Kindern in den Ländern mit einer Impfpflicht wesentlich höher, als im Durchschnitt der EU, als in den Ländern mit einer Impfempehlung oder in den Ländern ohne eine Impfempfehlung.

Ein signifikanter Unterschied der Erkrankungszahlen zwischen den Ländern mit und denen ohne Empfehlung einer Hepatitis B-Impfung im Säuglingsalter lässt sich im betrachteten Zeitraum definitiv nicht erkennen.

 

Dies stellt zum einen das Ziel der WHO in Frage, die Hepatitis B auszurotten: wenn Länder mit initial relativ hohen Erkrankungszahlen es trotz Impfpflicht und anhaltend hoher Durchimpfungsraten nicht schaffen, die Häufigkeit der Hepatitis B-Erkrankungen auch nur auf das Niveau der anderen, überwiegend westeuropäischen, EU-Länder zu senken, stellt dies sowohl die Erreichbarkeit und Sinnhaftigkeit des Zieles (Ausrottung), als auch das gewählte Mittel (Impfpflicht) in Frage. Die WHO-Vorgabe der Ausrottung der Hepatitis B war seinerzeit aber eines der Hauptargumente für die Einführung der Hepatitis B-Impfung in Ländern wie Deutschland.

Darüber hinaus drängt sich angesichts der fehlenden Unterschiede in der Erkrankungshäufigkeit zwischen den Ländern mit und den ohne Impfempfehlung die Frage nach der Sinnhaftigkeit der flächendeckenden Hepatitis B-Impfung überhaupt auf - eine Frage, die schon bei der Einführung dieser Impfempfehlung von vielen Fachleuten gestellt und die bisher nicht überzeugend beantwortet wurde.

 

Literatur

ZEIT ONLINE vom 28.04.2017. Abruf 06.05.2017