Das waren ja schlechte Nachrichten für Jens Spahn, die die Nationale Verifizierungskommission für die Elimination der Masern und Röteln NAVKO im Juni für das Jahr 2018 verkündete (s. hier): die Durchimpfungsraten in Deutschland seien ausreichend ("adequate" - der Bericht liegt bisher nur auf Englisch vor) und die Weiterverbreitung der Masern in Deutschland sei unterbrochen - der erste wichtige Schritt zur Elimination der Masern; und dies, horribile dictu, 2 Jahre vor der Einführung der Impfpflicht... Aber jetzt ist die Welt im Bundesgesundheitsministerium wieder in Ordnung: die WHO hat festgestellt, die NAVKO habe wohl etwas übertrieben - die Masern bleiben "endemisch" in Deutschland, ihre Weiterverbreitung sei keineswegs unterbrochen... (WHO 2019).

Und wer hat jetzt Recht? Das weiß leider niemand...

Fakt ist: für das Prädikat: "Masernelimination" sind in einem Land mehrere Bedingungen zu erfüllen, unter anderem

  • allerhöchstens 1 Masernfall pro 1.000.000 Einwohner und Jahr (das wären in D also auf den ersten Blick höchstens etwa 80 Fälle im Jahr) (Inzidenz)

  • eine flächendeckende, gute Überwachung der Masernfälle und der Masernviren (Surveillance)

Beide Faktoren hängen untrennbar zusammen, denn bei der Berechnung der Inzidenz zählen all diejenigen Fälle nicht, deren Ansteckung außerhalb Deutschlands stattfand, auch wenn die Erkrankung hinterher in Deutschland ausbrach (zwischen Ansteckung und Erkrankung liegen bei Masern etwa 10 - 14 Tage) - bei einem klassischen Transit-, Tourismus- und auch Migrationsland wie Deutschland eine entscheidende Einschränkung. Leider konnten die deutschen Behörden bei 436 der 543 im Jahr 2018 aufgetretenen Masernfälle die Frage nach dem Ansteckungsort nicht beantworten (von den verbleibenden 107 waren immerhin 66 sicher im Ausland angesteckt...).

Bei der Surveillance geht es um Fragen wie die Schnelligkeit der Meldung und die Bestätigung der Verdachtsdiagnose durch Laboruntersuchungen - und hier patzen die deutschen Gesundheitsämter in den meisten Kategorien erheblich: so wurde nur bei etwa 2/3 der Fälle im Rahmen von Masernausbrüchen das Masernvirus nachgewiesen (Tendenz abnehmend im Vergleich zu 2017, die WHO fordert: ≥ 80%); nicht bestätigte Verdachtsdiagnosen (die ein Qualitätsmerkmal der Surveillance sind), werden in Deutschland, anders als von der WHO gefordert, überhaupt nicht flächendeckend erfasst. Und die Subtypisierung von Masernviren, die für die Frage der Übertragungswege (und auch der importierten Fälle) von entscheidender Bedeutung ist, wird bei Ausbrüchen nur in 64%, bei einzelnen Masernfällen nur in 34% durchgeführt.

Mit dieser völlig unzureichenden Datengrundlage ist die Frage, ob die Übertragung der Masern in Deutschland unterbrochen ist oder die Masern nach den WHO-Kriterien gar schon eliminiert sind oder nicht, schlicht nicht zu beantworten - daher kann die WHO dieses Prädikat natürlich auch nicht vergeben.

Die WHO fasst zusammen [Hervorhebungen von mir]: "The RVC [das regionale Verifizierungskommittee der WHO] believes that more efforts are required to improve case and outbreak investigations allowing a better understanding of chains of transmission. […]  The RVC also urges implementation of WHO strategies and recommendations in continued efforts to improve immunization coverage, especially by increasing routine coverage with MRCV2*, assessing measles immunity in adults, and conducting targeted immunization activities to fill immunity gaps, especially among the at-risk adult population."

Mit anderen Worten: die WHO sieht die Hauptprobleme für die Elimination der Masern in Deutschland in der schlechten Surveillance und empfiehlt bei Impfmaßnahmen, gezielt die Erwachsenen zu adressieren. Eine Impfpflicht für KiTa-Kinder sucht man in dem Dokument vergeblich...

Aber es gibt einen Trost - allen inhaltlichen Unzulänglichkeiten des Reports zum Trotz: "The RVC commends Germany and the NVC on the high-quality report provided." - wie in der Schule: Aufsatz inhaltlich Note 6, aber ein Sternchen für die Gliederung und die schöne Handschrift....

Literatur

WHO. 2019. 8th meeting of the RVC. Abruf 25.09.2019

 

* bei der MCV2-Impfquote übernimmt die WHO die Empfehlungen der jeweiligen Landesbehörden als Maßstab - in Deutschland ist die MCV2 bis zum zweiten Geburtstag empfohlen, bis dahin aber nur bei weniger als 3/4 der Kinder erfolgt (bis zu Einschulung bei > 93%) - die MCV2-Impfquote im Alter von zwei Jahren dürfte in den meisten Ländern, die die Elimination längst erreicht haben, wesentlich niedriger liegen (oft nahe Null), weil sie - wie z.B. Schweden - diese erst vor der Pubertät empfehlen.