Nach dem Erfolg der Pocken-Eradikation* setzte die WHO zahlreiche andere Erkrankungen auf die "schwarze Liste" der auszurottenden Erkrankungen, neben der Kinderlähmung ganz vorne auch die Masern (WHO 2012). Und auch wenn die deutschen Gesundheitsbehörden hier (zunächst) nur von der "Elimination*" der Erkrankung sprechen (BMG 2015), sind auch diese Bemühungen Teil der WHO-Eradikationsstrategie.

Obwohl Epidemiologen schon früh auf die fehlende Übertragbarkeit der Pocken-Ausrottung auf andere Erkrankungen hinwiesen (s. hier) wird dieses Beispiel einer gelungenen Eradikation gerade auch in Deutschland als eines der Standard-Argumente für eine (Masern-)Impfpflicht verwendet.

Die kurzfristigen epidemiologischen Folgen der damit verbundenen massiven Impfkampagne sind - neben dem Rückgang der Masern-Erkrankungszahlen - bis zum heutigen Tage:

  • eine Abnahme des Nestschutzes bei Säuglingen. Da die meisten Mütter heute die Masern nicht mehr selber durchlebt haben, sondern "nur" geimpft sind, übertragen sie an ihre Kinder einen deutlich kürzeren und weniger belastbaren Nestschutz (Leuridan 2010, Anderson 1991). Dies ist deswegen besonders bedeutsam, weil das Komplikationsrisiko von Masern im ersten Lebensjahr besonders hoch ist - gerade für die gefürchtete SSPE (RKI 2013, Miller 2004). Gerade diese Gefährdung der Säuglinge, die selber durch eine Impfung noch nicht zu schützen sind, wird ironischerweise zunehmend als Argument für eine Masern-Impfpflicht verwendet - dabei ist diese Situation mittelbare Folge der Masern-Impfstrategie.

  • eine "Rechtsverschiebung" des Erkrankungsalters vom früher typischen Kindesalter hin zu (jüngeren) Erwachsenen - 2014 waren 63% der in Deutschland an dieser "Kinderkrankheit" Erkrankenden Jugendliche und Erwachsene (RKI 2015). Dies ist deswegen bedeutsam, weil das Komplikationsrisiko nach dem 20. Geburtstag deutlich ansteigt (Matysiak-Klose 2013).

  • eine Zunahme schwerer Infektionen der unteren Atemwege bei Säuglingen und Kleinkindern. Es scheint ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen der Einführung von Maserimpfprogrammen und der Zunahme schwerer Infektionen der unteren Luftwege (Bronchitis, Bronchiolitis, Lungenentzündung) und hierbei vor allem der durch das RS-Virus (RSV - respiratory syncitial virus) ausgelösten Verläufe zu bestehen. Sowohl das Masern-, als auch das RS-Virus gehören zur Familie der Paramyxoviren und es scheint, dass Mütter, die selbst noch Masern durchlebten, ihren Kindern einen Nestschutz auch gegen RSV mitgeben – im Gegensatz zu maserngeimpften Müttern, die dies nicht vermögen. So scheint die Masernimpfung mittelbar die Empfänglichkeit der Bevölkerung gegen RSV und die damit verbundenen schweren Erkrankungen zu erhöhen (Weigl 2005).

Die langfristigen Auswirkungen dieser Strategie sind noch völlig unklar - hier gibt es aber zunehmend beunruhigende Veröffentlichungen:

  • schon länger bekannt ist, dass die Immunität nach der Masernimpfung der nach durchgemachter Masernerkrankung qualitativ und quantitativ unterlegen ist (Christenson 1994) "If natural immunity against measles is thought to last life-long, vaccine-induced protection is well documented to be less durable and less robust" (Mossong 2003).

  • dadurch entsteht ein zunehmend größerer Anteil der Bevölkerung, dessen Masern-Immunität eben nicht mehr lebenslang anhält, sondern als Impf-Immunität über die Jahre abnimmt.

  • dadurch wiederum sind diese Geimpften ab einem bestimmten Zeitpunkt wieder anfällig, an Masern zu erkranken.

  • diese Erkrankungen können dann "typisch" verlaufen, häufiger wohl aber als atypische Verlaufsform, die dann oft nicht als solche erkannt wird und von der dadurch ein besonders hohes Infektionsrisiko für die Umgebung ausgeht (weil z.B. keine Quarantäne-Maßnahmen eingeleitet werden). Der hierfür mittlerweile geprägte Fachbegriff ist der der "vaccine-modified measles" (CDC 2015).

  • das Fehlen solcher "subklinischen", klinisch unerkannten und dennoch ansteckenden Verlaufsformen ist aber nach Ansicht von Fachleuten eine der Bedingungen für eine Eradikation (Gelderblom 1996) - hier könnte die Masernimpfung über das Problem der "vaccine-modified measles" letztendlich selbst die geplante Eradikation der Masern verhindern.

  • Masern-Infektionen anderer Menschen durch dokumentiert (zunächst) erfolgreich Geimpfte sind mittlerweile dokumentiert (Rosen 2014).

  • die langfristigen Konsequenzen dieser Phänomene können derzeit nur in epidemiologisch-mathematischen Modellen antezipiert werden:

    • diesen Modellen zu Folge hängt der weitere Verlauf der Masern-Epidemiologie im wesentlichen von zwei Faktoren ab: zum einen von der Dauer des Impfschutzes (die keiner kennt), zum anderen vom Ansteckungspotential der an den "vaccine-modified measles" Erkrankten (die auch unbekannt ist).

    • In jedem Falle kommt es durch Impfkampagnen wie die der letzten Jahre zu einem Rückgang der klassischen Masern für einen bestimmten Zeitraum, der so genannten "honeymoon-period". Diese begrenzte Zeitspanne - in der wir uns gerade befinden - dient dann in der öffentlichen Diskussion als "Beweis" für die vermeintliche Effektivität der Impstrategie. Wie alle Flitterwochen endet aber auch die honeymoon-period, sie stellt in jedem Falle nur eine vorübergehende Elimination dar: "classical measles disappear for a certain time period following the introduction of the vaccination programme." (Mossong 2003).

    • Diese vermeintliche epidemiologische Stabilität kann - wenn man z.B. eine Schutzdauer durch die Impfung von 25 Jahren und ein Ansteckungspotential der vaccine-modified measles von dann nur 10% annimmt bis zu 70 Jahre nach Beginn der Impfprogramme anhalten - bevor es dann zu einem massiven Wiederauftreten der Masern käme in einer Bevölkerung, in der es dann praktisch keine natürliche Immunität gegen diese Erkrankung mehr gibt... (Mossong 2003).

Es wird deutlich, dass die zeitlichen Dimensionen, in denen Vorteile und Risiken einer Impf- oder gar Eradikationsstrategie betrachtet werden müssen, diejenige von Legislaturperioden von Gesundheitspolitikern oder Berufungsperioden von Fachgremien um ein vielfaches übersteigen. Systemische Betrachtungen wie diese, die der vernetzten Komplexität der Zusammenhänge von Gesundheit und Krankheit versuchen gerecht zu werden, taugen naturgemäß kaum für tagespolitisch-populistischen Theaterdonner wie die Forderung nach einer Masern-Impfpflicht...

 

Glossar* (nach Miller 2006)

  • Elimination zielt darauf ab, die Weiterverbreitung eines Krankheitserregers in einer definierten Region zu unterbinden.

  • Eradikation ist die immer nur global zu erreichende "Ausrottung" einer Erkrankung.

Beide Begriffe werden auch in renommierten Publikationen nicht immer trennscharf verwendet... (Newsweek 2016)

 

 

Literatur

Anderson RM, May EM. Infectious diseases of humans: dynamics and control. Oxford: Oxford University Press; 1991.

BMG. Nationaler Aktionsplan 2015–2020 zur Elimination der Masern und Röteln in Deutschland. 26.02.2017

CDC. Measles. 2015. 26.02.2017

Christenson B. Vaccine 1994;12:129–33.  26.02.2017

Gelderblom H. Spektrum der Wissenschaft 6 / 1996, Seite 36. 26.02.2017

Leuridan E. BMJ 2010;340;c1626. 26.02.2017

Matysiak-Klose D. Bundesgesundheitsbl  2013. 56:1231–1237. DOI 10.1007/s00103-013-1799-x

Miller C. Arch Dis Child. 2004 Dec;89(12):1145-8.

Miller M. Control and Eradication. in Jamison DT. Disease Control Priorities in Developing Countries. New York 2006

Mossong J. Vaccine 21 (2003) 4597–4603

Newsweek vom 28.09.2016. 26.02.207

RKI. EpiBull 10/2015.26.02.2017

RKI. Infektionsepidemiologisches Jahrbuch 2012. Berlin 2013.

Rosen JB. CID 2014:58 (1 May). 26.02.2017

Weigl A. Klin Padiatr. 2005 Sep-Oct;217(5):259-67.

WHO 2012. Global measles and rubella strategic plan : 2012-2020. 26.02.2017