Spätestens seit der Vaxxed-Tournée durch Deutschland als offenes Geheimnis gehandelt, erschien jetzt Ende April die erahnte wissenschaftliche Studie mit dem Vergleich geimpfter und ungeimpfter Kinder ("vaxxed vs. unvaxxed") bezüglich Entwicklungsauffälligkeiten (Mawson 2017).

 

Studiendesign

Die Autoren rekrutierten in vier US-amerikanischen Bundesstaaten Kinder, die keine öffentlichen Schulen besuchten, sondern zu Hause von ihren Müttern unterrichtet wurden und baten diese Mütter, anonymisiert Auskunft über den Impfstatus, die bisherigen akuten und chronischen Erkrankungen, Arzt- und Krankenhausbesuche und vor allem über Entwicklungsauffälligkeiten, namentlich Lernbehinderungen, ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen (ASS), zu geben.

 

Ergebnisse

Geimpfte Kinder dieser Studie hatten bezüglich akuter Erkrankungen ein signifikant höheres Risiko für Mittelohrentzündungen und Lungenentzündungen, bei chronischen Erkrankungen aber vor allem für allergische Erkrankungen und Entwicklungsstörungen wie ADHS, ASS oder Lernbehinderungen. Auch chronische Erkrankungen insgesamt traten bei den Geimpften signifikant häufiger auf.

 

Probleme der Studie

Diese aufwändig gestaltete und statistisch hochdifferenziert ausgewertete Untersuchung ist ein klassisches Beispiel dafür, wie Statistik genutzt werden kann, eine statistisch signifikante und mathematisch-methodisch unanfechtbare "Sicherheit" auch da zu suggerieren, wo die den Berechnungen zu Grunde liegende Methodik der Datenerhebung diese von vorneherein ad absurdum führen:

Diagnosen wie Lernbehinderungen, ADHS oder ASS sind selbst für Fachleute oft schwierig zu stellen und ihre diagnostischen Kriterien darüber hinaus erstens selbst unter Profis im Einzelfall nicht unumstritten, zweitens heterogen und drittens vor allem über die Jahre einer hohen Dynamik unterworfen. Selbst eine Studie, die diese Diagnosen nicht von Eltern erfragt, sondern von Ärztinnen und Ärzten gestellt, vergleichen wollte, müsste - um Ernst genommen zu werden - im methodischen Teil explizit angeben, mit welchem diagnostischen Instrumentarium in dieser Studie die jeweilige Störung festgestellt worden wäre.

Angesichts dieser Problematik eine wissenschaftliche Studie auf den Angaben der betroffenen Mütter aufzubauen, ausdrücklich ohne jede Einsicht in irgendwelche medizinischen Daten oder Akten einzubeziehen, entzieht den gewonnenen Daten, den mit diesen angestellten Berechnungen und damit deren Ergebnissen jede wissenschaftliche Aussagekraft. Dies gilt umso mehr, als es sich um Diagnosen mit einem eindeutig negativen Konnotat handelt - selbst wenn Ärzte diese Diagnosen stellen, ist es nicht selten, dass die jeweiligen Eltern diese Zuschreibung für ihr jeweiliges Kind ablehnen. Damit bestünde in einer solchen Untersuchung die Gefahr, dass diese Diagnose dann auch nicht angegeben wird, wenn sie in der Vergangenheit gestellt worden sein sollte. ("Der Doktor sagt zwar, es sei ... - aber MEIN Kinder hat doch kein/ist doch kein..."). Eine reine Befragung der Eltern als Datengrundlage mag für Windpocken oder Ohrenschmerzen in Grenzen funktionieren und halbwegs verlässliche Daten liefern, für Entwicklungsstörungen kann sie das definitiv nicht.

Dies umso weniger, als die den Gesundheitszustand ihrer Kinder Beurteilenden hochgradig befangen sind: wenn Eltern ihr Kind - in den USA wie in Deutschland - gegen großen sozialen Widerstand ungeimpft lassen, entscheiden sie dies in der Regel, weil sie erwarten, dass dies seiner Gesundheit nütze, es also dadurch gesünder sei, als wenn sie es impfen ließen. Damit sind diese Eltern zum Beurteilen des Gesundheitszustandes - gerade im Rahmen einer Studie, die dies im Zusammenhang mit Impfungen abfragt! - voreingenommen und daraus resultiert, was in der medizinischen Methodik ein bias genannt wird: eine systematische Verzerrung der Daten in eine bestimmte Richtung.

Die gerade bei den untersuchten Entwicklungsstörungen mögliche soziale Korrektur durch Kindergarten und Schule unterbleibt bei der gewählten Studienklientel (homeschooling) - es gibt keine Erzieher(innen) oder Lehrer(innen), die die Eltern auf in Kindergarten oder Unterricht auffallende Verhaltensweisen hinweisen und eine diagnostische Abklärung anregen könnten.

Und auch die professionelle Korrektur ist in dieser Studie weder verlässlich noch vergleichbar - zeigte die Untersuchung doch, dass die ungeimpften Kinder auch statistisch signifikant seltener zu Vorsorgeuntersuchungen vorgestellt wurden als die der geimpften Gruppe.

So ist die Schlussfolgerung der Studie "In conclusion, vaccinated homeschool children were found to have a higher rate of allergies and NDD than unvaccinated homeschool children."  durch die Methodik der Untersuchung definitiv nicht gerechtfertigt - die Studie lässt nur die Aussage zu, dass bei ungeimpften Kindern von deren Eltern weniger Entwicklungsverzögerungen berichtet werden; ein entscheidender Unterschied.

 

Ausblick

Nichtsdestotrotz ist die Fragestellung der Studie eine zentrale!

Untersuchungen wie diese sind seit Jahrzehnten überfällig um die Auswirkungen von Impfungen und Impfprogrammen auf die Gesundheit der Kinder in einem größeren Zusammenhang als dem der Betrachtung von erreichten Antikörperspiegeln zu untersuchen. In Deutschland sind nach den Zahlen des RKI mindestens 100.000 Kinder unter 18 Jahren völlig ungeimpft, bezüglich einzelner Impfungen jeweils mehrere Hunderttausend - gelänge es, nur einen kleinen Teil der zugehörigen Eltern für Studien zu diesen Fragestellungen zu gewinnen, wäre dies eine unschätzbare ressource, die uns erlaubte, Fragen wie die von Mawson gestellte mit einer viel größeren Sicherheit zu beantworten, als dies die untersuchte Studie vermag. Technisch-organisatorisch wäre dies in Deutschland mit der Schulpflicht ohnehin viel einfacher als in den USA: die Eltern eines jeden Kindes in Deutschland sind im Rahmen der Einschulungsuntersuchung verpflichtet, den Impfpass des Kindes vorzulegen. Es wäre ein Leichtes, hier den Eltern mit fehlenden/leeren/"unvollständigen" Impfpässen - anstatt ihnen die ritualisierten schweren moralischen Vorhaltungen zu machen und Strafpredigten zu halten - ein Informationsblatt für eine solche Studie mitzugeben (unter Zusicherung von Anonymität): wir hätten jedes Jahr in Deutschland die Möglichkeit, Tausende Kinder für derartige Untersuchungen zu gewinnen und innerhalb weniger Jahre verlässliche Antworten auf Fragen, die offensichtlich nicht beantwortet werden sollen....

 

 

Literatur

Mawson AR. J Transl Sci Vol 3(3):1-12. Abruf 05.05.2017